Bildungsdialog – Flüchtlingskinder in der Kita

Da mir das Thema „Flüchtlingskinder in der Kita“ schon seit mehr als 2 Jahren immer wieder auf meinen Fortbildungsveranstaltungen begegnet ist, beschäftige ich mich schon seitdem immer wieder intensiv mit dieser Thematik.

Mit großem Interesse habe ich mich auf den Weg nach München zum heutigen Bildungsdialog aufgemacht. Es hat mich sehr gefreut, dass mich einige Interessierte aus den Erzieherlehrgängen zur Vorbereitung auf die Externenprüfung an Fachakademien für Sozialpädagogik begleitet haben.

Insgesamt war die Veranstaltung sehr gut besucht, so dass die letzten Besucher nur noch Stehplätze finden konnten.
Frau Abdallah-Steinkopff, die Referentin des Abends, gab einen Einblick in ihre Arbeit und Erfahrung als Psychotherapeutin für traumatisierte Flüchtlinge. Der Vortrag brachte Hintergrundwissen, insbesondere zu Traumatisierung und war sehr anschaulich mit Fallbeispielen gestaltet.

Die vielen Fallbeispiele im Vortrag belegten, wie unterschiedlich die Fluchterfahrungen sein können und dass es schwierig ist, von „den“ Flüchtlingskinder im Allgemeinen zu sprechen. Jede Biografie ist einzigartig und jeder Flüchtling – Kinder wie Erwachsene – hat viel erlebt, was wir oft gar nicht nachvollziehen können. Dabei wird oft aber vergessen, dass jeder auch viele Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen mitbringt, die zum einen bei der Flucht geholfen haben und zum anderen auch unsere Gesellschaft im Allgemeinen und die Gemeinschaften im Speziellen bereichern können.

Ein Aspekt, den ich bislang so noch nicht in dem Maße berücksichtigt hatte, ist die Tatsache, wie schwer es Flüchtlingen mitunter fällt, vom „Notfallmodus“ in den „Normalmodus“ umzuschalten. Auf der Flucht war der Notfallmodus aktiv – hier war er sehr wichtig. Zum „Notfallmodus“ gehört es auch, dass es wichtig ist, das nackte Leben zu schützen. Das Halten an Grenzen und Gesetze ist hierbei oft nicht hilfreich, z.B. wenn die Flüchtlinge als „Illegale“ in einem Land darauf warten, dass sie von Schlepperbanden weitergebracht werden.

Für mich war es die Bestätigung, dass Flüchtlingskinder in der Kita in erster Linie Kinder sind, die Bedürfnisse haben wie andere Kinder auch. Dabei kann die Erfüllung der Bedürfnisse variieren. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass ganz viele Kompetenzen vorhanden sind und diese das gemeinsame Miteinander in der Kita bereichern können.

Partizipation, Inklusion im weiteren Sinne und das Leben in einer lernenden Gemeinschaft sind die Wege, die uns meiner Meinung nach jeden Tag ein Schrittchen weiter zusammenwachsen lassen und ein lebendiges Miteinander entstehen kann. Interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenzen sind die Brücken, die uns hierbei einen großen Nutzen bringen können.

Ich wünsche uns allen, dass wir diese Chance, die mit dem großen Flüchtlingsstrom zu uns gekommen ist, nutzen und uns mit der Veränderung weiter- und zusammenentwickeln.
Das braucht Zeit und die sollten wir uns auch nehmen.

Vielen Dank, auf gutes Gelingen und herzliche Grüße
Kerstin Müller

Reflexion der Ferienbetreuung

In den letzten beiden Wochen habe ich es mir „gegönnt“, wieder einmal direkt mit Kindern zu arbeiten. Mit einer zuverlässigen Kollegin habe ich 16 Kinder im Grundschulalter in ihren Ferien betreut. Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, die Methoden, die ich in meinen Fort- und Weiterbildungen vermittle, erneut anzuwenden bzw. Neues auszuprobieren.

Für mich war es eine sehr spannende Zeit, in der ich persönlich viele Erkenntnisse gewinnen konnte bzw. mich in meiner pädagogischen Haltung bestätigt sah. Einige dieser Erkenntnisse möchte ich an dieser Stelle gerne mit Ihnen teilen.

1. Gruppenphasen
Es war sehr spannend, die Entwicklung der Gruppe zu beobachten und die Gruppenprozesse zu moderieren. Da die Kinder bzw. deren Eltern wählen konnten, ob die Kinder die Ferienbetreuung eine Woche oder zwei Wochen besuchen, konnte ich die Entwicklung der Gruppenprozesse zweimal beobachten. So konnte ich beobachten, dass sich das Verhalten der Gruppe, entsprechen dem Tuckman-Modell zeigte. Der erste Tag ist im Vergleich zu den anderen Tagen anders (das war auch in den vorangegangenen Jahren, in denen ich die Ferienbetreuung geleitet habe, so). Während sich die folgenden Tage vom Ablauf und Rhythmus eher glichen, zeigte sich am letzten Tag wieder ein anderes gruppendynamisches Verhalten, welches auch wieder in Übereinstimmung mit dem Tuckman-Modell zu sehen ist. In der zweiten Woche mit teileweise neuen Kindern bestätigte sich dieser Zyklus.

2. Partizipation in der Ferienbetreuung.
Da es mir persönlich sehr wichtig ist, dass den Kindern die Möglichkeit geboten wird, bei der Planung, Durchführung und Reflexion miteinbezogen zu werden, hatten wir uns dazu entschieden, die Kinder – im Sinne der Partizipation – zu beteiligen. Interessant fand ich, dass die Kinder die Rechte sofort, die Verantwortung und die dazugehörigen Pflichten allerdings nur mit enger Begleitung angenommen haben.

3. FerienFREIZEIT gleich FREIZEIT
Dadurch, dass die Kinder in die Planung der Aktionen und Ausflüge eingebunden waren, wurden nur Aktionen und Ausflüge unternommen, die die Kinder auch per Mehrheitsentscheid angenommen hatten. Ideen und Vorschläge, die von den Kindern keine Stimme erhielten, wurden nicht durchgeführt. Auffällig war, dass die Kinder in der ersten Woche freies Spielen, freies Basteln und Gestalten, Theaterspielen und Backen (in Kleingruppen) bevorzugten und erst in der zweiten Woche gemeinsame Aktionen (in der Großgruppe) wie Ausflüge wählten.
Für mich war es sehr spannend die Entscheidungsfindung zur Planung zu beobachten und nach Bedarf zu moderieren. Besonders fasziniert hat mich, dass die Planung der beiden Wochen so unterschiedlich war, obwohl die meisten Kinder beide Wochen dabei waren.

Ich freue mich schon, mein reflektiertes Handlungswissen in meine verschiedenen Tätigkeitsbereiche einzubringen und mit Ihnen in die Diskussion einzusteigen.

Herzlichst
Ihre Kerstin Müller

Bildungsdialog – Kultursensible Pädagogik

Wir alle haben eine Vorstellung von „guter“ Erziehung und den damit verbundenen Handlungsweisen. Wie eng diese mit der eigenen Kultur verwoben ist, zeigte Heidi Keller auf dem gestrigen Bildungsdialog auf.
Interaktionsstile von Eltern mit ihrem Kind können sich demnach sehr unterscheiden.
In der westlichen Mittelschicht – die weniger als 5% der Weltbevölkerung ausmacht – herrscht die distale Strategie, bei der das Kind ins Zentrum gestellt wird.
In ländlichen Bevölkerungen – die 30-40% der Weltbevölkerung ausmachen – wird das Kind als Lehrling gesehen, der ein Teil eines sozialen Systems ist.

Frau Keller wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass 80-90% der Kinder mit Migrationshintergrund, die bei uns in die Kita kommen, einen Sozialisationshintergrund haben, der dem der ländlichen Bevölkerung entspricht.

Da sich die Sozialisationsmuster in einigen Punkten sehr deutlich unterscheiden – was immer mit den Vorstellungen über gute Erziehung zu tun hat und auch mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen – ist es wichtig die eigenen, mit der Kultur verwobenen Werte und Vorstellungen zu kennen, zu reflektieren und zu hinterfragen.

Frau Keller hatte einige Fotos und Filmausschnitte aus ihren Forschungen dabei, die einen sehr deutlichen, teilweise polarisierenden Unterschied zwischen den Erziehungsvorstellungen aufzeigten.

Der Vortrag begann und endete mit dem Gedanken, dass für die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen eine Trias von Wissen, Haltung und Können notwendig ist.

Mein Fazit, dass ich nach der Reflexion des Vortrags und Verknüpfung mit meinem Vorwissen ziehe lautet:

  • Sozialisationspraktiken können in verschiedenen Kulturen unterschiedlich sein. Es ist gut ein wenig Hintergrundwissen zu haben, um die eigenen Werte kritisch zu reflektieren, zu hinterfragen und offen auf Menschen mit anderen Werten zuzugehen.
  • Offenheit für andere Wertvorstellungen sollte nicht bedeuten, dass die eigene Kultur nicht gelebt und wertgeschätzt wird, sondern dass ein miteinander gefunden wird, in dem durch Neugierde, Flexibilität und Offenheit verschiedene Elemente miteinander kombiniert werden und sich alle Beteiligten als lernende Gemeinschaft – wie es auch im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan an verschiedenen Stellen angeregt wird – gemeinsam weiterentwickeln.
  • Kinder, die in ihrer Familie andere Sozialisations- und Interaktionsmuster erlebt haben, wie sie auch in der Kita vorkommen (westliche Mittelschichtsorientierung), können vom Interaktions- und Methodenangebot in höherem Maße profitieren, als Kinder, die andere Sozialisations- und Interaktionsmuster erlebt haben. Da alle Erfahrungen im Gehirn Spuren hinterlassen, kommen Kinder also mit unterschiedlichen Voraussetzung in die Kita. Erweitern Fachkräfte der Kita ihr Repertoire an Methoden zur Lernunterstützung, so können alle Kinder – im Sinne der anschlussfähigen Bildung, wie sie im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan und in den Bayerischen Bildungsleitlinien angedacht ist – bestmöglich profitieren.
  • Hintergrundwissen um bereits erforschte Unterschiede kann hilfreich sein und als Orientierungshilfe dienen.
  • Die Haltung offen auf andere Menschen – egal mit welcher kulturellen Prägung – zuzugehen, scheint mir unerlässlich. Nur so kann ein echter Dialog zwischen allen Beteiligten entstehen.
  • Um kultursensible Frühpädagogik in gelebte Vielfalt im Alltag umsetzen zu können, braucht es erst Rahmenbedingungen, die dies ermöglichen. Fehlerfreundlichkeit in einer lernenden Gemeinschaft und gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung liefern hierfür eine gute Basis.

Ein interessanter Vortrag, der bei mir intensive Reflexionsprozesse in Gang gesetzt hat.

Vielen Dank und herzliche Grüße
Kerstin Müller

IFP Fachkongress 2015

Sehr informativ, abwechslungsreich und bereichernd war der gestern und heute stattfindende 5. Fachkongress des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP), der sich rund um das Thema „Interaktionsqualität in Kindertageseinrichtungen“ drehte.

Unter den referierenden Experten waren – neben den Fachleuten des IFP – Prof. Dr. Braun (Universität Magdeburg), Prof. Pianta, (University of Virginia), Prof. Sylva (University of Oxford), Prof. Hauser (PH St. Gallen) und Prof. Nentwig-Gesemann (Alice-Salomon-Hochschule Berlin).

Da mir persönlich die Interaktionsqualität (der Kern der pädagogischen Arbeit) besonders am Herzen liegt, war es für mich sehr spannend, die aktuellsten Forschungen aus USA, Großbritannien, der Schweiz und auch aus Deutschland aus den verschiedenen Fachperspektiven zu verfolgen.

Zur besseren Übersicht finden Sie in den vorausgegangenen Artikeln einen kleinen Einblick in ausgewählte Inhalte, die mir besonders eindrücklich geblieben sind.

Herzlichen Dank für diesen für mich sehr bereichernden und belebenden Kongress bei dem die Interaktionen im Vordergrund standen.

Herzlichst
Ihre Kerstin Müller

Interaktionsqualität im Spiel

Der Vortrag von Herrn Prof. Dr. Hauser drehte sich um die Interaktionsqualität aus Sicht des frühen Lernens im Spiel. Für mich war dieser Vortrag sehr spannend, da Herr Hauser sehr einleuchtend darstellen konnte, dass die Kinder im wiederholten Spiel Fähigkeiten entwickeln und einüben, die nachhaltig gelernt werden. Dies zeigten Herr Hauser und sein Team anhand von Regelspielen, die sich um Zahlen und mathematische Themen drehten. Eins der Ergebnisse war, dass das mathematische Engagement im Spiel größer ist als in angeleiteten Lerneinheiten.

Des Weiteren machte Herr Hauser darauf aufmerksam, dass die proximale Zone oft erheblich größer ist, als wir denken. Kinder, die dauerhaft sowohl eine hohe Responsivität als auch eine hohe Feedbackqualität erhalten, haben mitunter kognitive Fähigkeiten, die die der gleichaltrigen Kinder deutlich übersteigen. Dies ist auf die Erwartungen der Erwachsenen (Eltern/pädagogische Fachkräfte) zurückzuführen, die die (emotionalen und kognitiven) Bedürfnisse der Kinder erkennen, angemessen unterstützen und dabei herausfordern – aber nicht überfordern.

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