Fehlerfreundliche Kultur

von kerstin.mueller
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Die fehlerfreundliche Kultur ist kein Freifahrtsschein, konsequenzlos Fehler machen zu dürfen. Vielmehr ist es eine Haltung, dass Fehler im Alltag passieren können, zum Lernen dazugehören und aus jedem Fehler eine positive Lernerfahrung gezogen werden kann. So können Fehler auch als Motor zur Weiterentwicklung gesehen werden.

Kinder lernen am Besten mit Interesse, Freude und Begeisterung. Kinder, die Ideen haben und diese ausprobieren können, machen viele wertvolle Lernerfahrungen, sind motiviert und engagiert.

In solchen Prozessen des Ausprobierens gehört es auch dazu, zu scheitern und/oder einen Fehler zu machen.

Bei jedem Handlungsprozess ist es so, dass die komplexen Handlungsabfolgen erst einmal gelernt und geübt werden müssen.

Besteht eine fehlerfreundliche Kultur,
1. dann darf jeder Fehler machen: Kinder und Erwachsene, also auch Pädagogen, Träger, Eltern etc.
2. wird jeder „Fehler“ als Lernerfahrung betrachtet, aus der der Einzelne und oft sogar andere Personen wichtige Erkenntnisse ziehen können.
3. wird nach Möglichkeiten gesucht, wie dieser „Fehler“ wieder gut gemacht werden kann bzw. was getan werden kann, dass dieser „Fehler“ nicht mehr vorkommt.
4. sind Erwachsene Vorbilder. Sie zeigen durch ihr Verhalten, wie hier in der Kita mit gemachten Fehlern umgegangen wird.

Kinder bauen erst ihr Autobahnsystem auf. Sie sind noch sehr darauf angewiesen, viele neue Lernerfahrungen zu machen. Bei Kindern bedeutet eine fehlerfreundliche Kultur, dass manch ein „Fehler“ auch mehrmals gemacht werden muss, um positiv auf den Aufbau von Autobahnen zu wirken, z.B. braucht ein Kind mehrere Übungsversuche Wasser aus der Kanne in sein Glas zu schenken, bis es ohne Verschütten klappt. Hier braucht ein Kind die Gelegenheit zum Üben und auch eine entspannte Begleitung, dass Wasserverschütten kein „Fehler“ ist, sondern eine Lernerfahrung, die gleich noch eine weitere Lernerfahrung „Wie wische ich Wasser auf dem Tisch und Boden wieder auf“ integriert.

Ist es dann ein Fehler, wenn ein Kind, das den Prozess des Wassereinschenkens schon gelernt hat, heute etwas daneben gießt? Nein. Das Kind macht auch hier wichtige Erfahrungen. Heute ist irgendetwas anders. „Was ist anders?“ „Bin ich „zu schnell“?“ „Ist es eine neue Kanne, bei der der Gießwinkel anders ist?“ etc. Jede Lernerfahrung hilft, die bisherigen Erfahrungen zu „verfeinern“.

Erwachsene haben in der Regel schon weitverzweigte Autobahnsysteme und trotzdem passieren „Fehler“. Hier ist es wichtig, den „Fehler“ zu bemerken. Manchmal gelingt das nicht von selbst, weil das Auto mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn fährt. Dann ist es hilfreich, wenn Kinder oder andere Erwachsene auf diesen „Blinden Fleck“ hinweisen. Jeder „Fehler“ sollte ernstgenommen werden und je nachdem, auf welcher Ebene er passiert, bearbeitet werden.

Sich ausprobieren können und Fehler machen dürfen – also nicht schon alles können müssen, bevor man es gelernt hat, kann den Alltag sehr entspannen, entlastet Fachkräfte und Eltern.

Die liebevolle Begleitung der Kinder braucht Zeit und Geduld, hat aber ein sehr hohes Lernpotential in sich.

Wer Kinder und auch Erwachsene (z.B. Eltern) entspannt und fehlerfreundlich begleitet, der leistet einen wichtigen Beitrag für die Bildung, die Entwicklung des Selbstwertgefühls, der Selbsteinschätzung und der Selbstverantwortung.
Kinder, die sich in einer fehlerfreundlichen Umgebung bilden dürfen, lernen,
* sich selbst zu strukturieren,
* zu planen und umzuplanen,
* Handlungen auszuführen,
* Lösungen zu finden,
* was getan werden kann, wenn jemand einen Schaden erlitten hat,
* und sich von Rückschlägen nicht so leicht aus der Bahn werfen zu lassen,
* und das Allerwichtigste: Sie erleben sich als wertvollen Teil einer Gemeinschaft.

Natürlich ist die Begleitung der Kinder in einer fehlerfreundlichen Kultur auch eine Herausforderung für pädagogische Kräfte. Wir alle haben unseren „Blinden Fleck“, unsere Baustellen und/oder haben in der Kindheit Verhalten gelernt, dass wir so nicht weitergeben möchten. Hier kann das Instrument des „Beschwerdemanagement“ gute Dienste leisten.

Und jeder Mensch darf auch mal „schusselig“ sein und es dürfen Dinge passieren, von dem andere Menschen denken „Das kannst du doch aber“… oder „Das hätte jetzt nicht sein müssen“.

Herzliche Grüße, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund!
Ihre Kerstin Müller