Menschenbilder

von kerstin.mueller
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Seit Jahren beschäftigte ich mich mit der Frage, wie Menschenbilder in der Pädagogik wirken. Es ist eine der herausforderndsten Aufgaben, die eigene Haltung bzw. das ihr zugrundeliegende Menschenbild zu reflektieren und weiter zu entwickeln.

 

Warum?
Weil es die Grundlage für alle pädagogischen Entscheidungen und Handlungen darstellt.

Wie entsteht das eigene Menschenbild?
Alle Erfahrungen, die ein Mensch macht, bündeln sich und bilden Erfahrungsstränge. Auch hier bilden sich Straßen und Autobahnen – Haltungsautobahnen, wenn Sie so wollen. Im Bild sind beispielhaft zwei verschiedene Menschenbilder dargestellt, ein positives und ein negatives. Ganz so linear, wie es im Bild erscheint, ist es jedoch nicht. Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Personen. So hat jeder Mensch individuelle Straßen und Autobahnen, die sein ganz eigenes Bild vom Kind/Menschen ausmachen.

Was genau ist das Menschenbild?
Die Vorstellung darüber, was den Menschen ausmacht, wie es sich gegenüber Menschen und der Welt verhält, wann er etwas lernt und auf welchen Wegen er lernt bzw. lernen kann.

Wie beeinflusst nun das eigene Menschenbild das pädagogische Handeln?
Das eigene Menschenbild wirkt indirekt. Beobachtbar sind in der Regel nur die Interaktionen, Methoden und sichtbaren Gestaltungselemente, z.B. die Raumgestaltung von Pädagog*innen.

Wie wirken Menschenbilder auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene?
Da Pädagog*innen Menschen beim Aufbau von Straßensystemen bzw. bei deren Aus- und Umbau begleiten, hat das eigene Menschenbild der Pädagog*innen einen direkten Einfluss auf den Autobahnbau der „Schützlinge“.
Es wirkt über:
* Interaktionen,
* Methodenauswahl und
* Raumgestaltung

Alle drei Aufzählungspunkte wirken in ihrem Zusammenspiel wie „Leitplanken“, die die „Lerner“ auf bereits bestehende Straßen leiten oder einen Weg markieren, wo Wege angelegt werden können, bzw. sollen.

Sind Pädagog*innen selbst in einem Reflexions- und Umbauprozess eigener grundlegender Autobahnen, so werden sich im Laufe der Zeit alle drei Bereiche verändern.

Welche Effekte haben positives und negatives Menschenbild in der pädagogischen Arbeit?
Für Menschen jeden Alters ist eine Begleitung im Sinne eines positiven Menschenbildes hilfreich. Die Begleitung in einem positiven Menschbild unterstützt unter anderem das Selbstwirksamkeitserleben, Selbstverantwortung, Motivation, Engagement, Kreativität und vieles mehr.
Begleitung im Sinne eines negativen Menschenbildes führt in der Regel dazu, Verantwortung abzugeben, nur zu arbeiten (oder zu denken), wenn es angeordnet wird, Schlupflöcher zu finden, um Vorschriften oder Kontrolle zu umgehen, also nach dem Motto „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch“ zu handeln.

Was ist für Pädagog*innen wichtig zu wissen?
Da wir alle im Laufe unseres Lebens Erfahrungen mit beiden skizzierten Menschenbildern gemacht haben, sind in der Regel auch für beide Formen Straßen oder sogar Autobahnen vorhanden. Für Pädagog*innen ist es nun relevant, sich immer wieder bewusst auf die positiv wirkenden Autobahnen zu begeben. So können Leitplanken im positiven Menschenbild gesetzt werden und wirken.

Gerade in Zeiten von Corona ist es sehr wichtig, sich dessen noch mehr bewusst zu werden. Insbesondere, weil manche Faktoren, wie Sitzordnung oder Gruppenzusammensetzung, von anderen Seiten vorgegeben werden.

Diese Vorgaben wirken wiederum wie Leitplanken auf Pädagog*innen wie auch auf „Schützlinge“. Solange diese im positiven Menschenbild wirken, ist es in sich stimmig. Stehen sie jedoch dem positiven Menschenbild entgegen, so ist es erforderlich, sich dies einerseits bewusst zu machen und andererseits Methoden zu wählen, die dem entgegenwirken.

Vergessen werden darf auch nicht, dass z.B. die Raumgestaltung die gesamte Zeit über wirkt, einzelne Methoden oder Dialoge jedoch nur über einen begrenzten Zeitraum.
Das bedeutet auch, dass Sie die Selbstfürsorge nicht vergessen sollten, denn ein kontinuierliches Gegensteuern benötigt mehr psychische Energie als das pädagogische Wirken in einem in sich stimmigen Setting.

Wie hängt das mit der aktuellen Situation zusammen?
Es ist richtig, dass der Infektionsschutz einen Einfluss auf die üblichen Formen des Begleitens und des Unterrichtens von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hat. Abstandsregeln und die weiteren Hygienemaßnahmen stehen zur Zeit im Vordergrund/Mittelpunkt und verändern gewohnte Abläufe.
Im positiven Menschenbild werden (gemeinsam) kreative Wege gesucht und gefunden, Vorgaben und Vorschriften umzusetzen und dem Lernen und der Weiterentwicklung soviel Raum wie möglich zu geben. Im negativen Menschenbild, das oft aus angstbesetzten Motiven heraus entsteht, werden strenge Vorschriften gemacht, die minuziös eingehalten werden müssen und so den Raum für Lernen und Weiterentwicklung beschränken.

Welche Erfahrungen habe ich gemacht?
Ich bin sehr dankbar, dass ich in letzter Zeit sehr viele Gespräche mit Pädagog*innen hatte, die Kinder im Sinne des positiven Menschenbildes begleiten und immer wieder bereit sind, ihr eigenes Menschenbild zu reflektieren und weiter zu entwickeln. Es hat mich allerdings auch erschreckt, was strenge Vorschriften „von oben“ mit einem Kita-Alltag anstellen können, wenn Pädagog*innen sich selbst unter Druck gesetzt sehen, keinen kreativen Weg gehen zu dürfen.
Ich selbst bin immer sehr bestrebt, Ihnen in meinen Veranstaltungen ein Vorbild zu sein, wie Sie Menschen im positiven Menschenbild begleiten können. Das gelingt mit Spaß und Freude und sieht oft auch spielerisch leicht aus, ist es jedoch nicht immer, da auch mir im Laufe meines Lebens Autobahnen im negativ wirkenden Menschenbild gebaut wurden. Nachdem ich allerdings die positiven Autobahnen regelmäßig benutzen, sind sie viel breiter als die negativen. „Anstrengende“ Arbeit ist es nur dann, wenn externe Faktoren, wie eine vorgegebene Raumgestaltung oder Sitzordnung die negativen Autobahnen bei mir antriggern und ich meine Gedanken- und Handlungsautos dauerhaft umleiten muss.

Herzliche Grüße, passen Sie auf sich auf und vergessen Sie die Selbstfürsorge nicht!
Ihre Kerstin Müller