Teams am Limit

von kerstin.mueller
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Die letzten Monate waren herausfordernd! Keine Frage.
Sie haben uns neues Potenzial entdecken lassen, aber auch manch einen an die eigenen Kraftreserven gebracht.
In all den Wochen seit dem Lockdown durch das Corona-Virus haben Kita-Teams...

 

* die Notbetreuung sichergestellt,
* sich immer wieder – auch sehr kurzfristig – auf neue Vorgaben und Verordnungen eingestellt.
* Betreuung in der Kita für die Kinder ermöglicht, deren Eltern die Notbetreuung in Anspruch genommen haben,
* ihre eigene Urlaubsplanung über Bord geworfen, um für die Zeit danach da zu sein,
* neue Arbeitsmethoden, wie z.B. Homeoffice, entdeckt und sich einzeln zu Hause mit pädagogischen Themen auseinandergesetzt und fortgebildet,
* sich auf neue Arbeitsweisen in der Einrichtung eingestellt, da ja Teamsitzungen als Zusammenkünfte nicht möglich waren und auch gruppenübergreifendes und offenes Arbeiten immer noch nicht möglich ist,
* Kontakt mit den Kindern und Familien gehalten, die zu der Zeit nicht in die Kita kommen konnten
* und vorrausschauend neue kreative Wege gesucht, wie z.B. Eingewöhnungen trotzdem geplant und umgesetzt werden können…

Aktuell dürfen wieder alle Kinder in ihre Kita gehen. Einen ganz normalen Kita-Alltag gibt es jedoch trotzdem noch nicht.

Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln stehen im Vordergrund. Dies hat Auswirkungen auf verschiedene essentielle Punkte der pädagogischen Arbeit in der Kita:
* Arbeit in festen Gruppen statt teiloffener oder offener Arbeit
* andere Gruppenzusammensetzung der Kinder – nicht die Lern- und Bildungsbedürfnisse der Kinder stehen im Vordergrund, sondern andere Faktoren, wie z.B. die Länge der Buchungszeit.

Es gibt veränderte oder angepasste Öffnungszeiten, da es keinen gemeinsamen Früh- und Spätdienst geben soll und mit der aktuellen Personalausstattung nicht jede Gruppe einen eigenen Früh- und Spätdienst abdecken kann.

Für die Kinder wird ein bestmöglichstes Bildungsangebot auf die Beine gestellt – unter Berücksichtigung der ganzen Vorgaben.

Für die Kinder kann sich Kita (fast) wieder ganz normal anfühlen. Das geht aber nur dann, wenn die Fachkräfte Enormes leisten. Das wird oft nicht gesehen, bringt Teams aber langfristig an ihr Limit.

Hier jetzt also den Blick auf die Pädagog*innen in Zeiten von Corona:

Viele Pädagog*innen verbringen ihre gesamte Arbeitszeit am Kind:
* Vor- und Nachbereitung müssen „nebenbei“ geschehen oder bleiben liegen. Es ist nicht möglich diese Zeiten außerhalb der Gruppen zu verbringen, da sonst die Kolleg*in alleine mit allen Kindern ist.
* Die „normalen“ Strategien wie: „Gruppen am Nachmittag zusammenlegen“ oder gerade jetzt, in den Sommermonaten, viel Zeit mit allen Kindern gleichzeitig im Garten zu verbringen, ist nicht möglich.
* Teamsitzungen können nicht stattfinden, da alle verfügbaren Stunden für die Betreuung der Kinder gebraucht werden.
* Es können keine Überstunden aufgebaut werden, weil es keine Möglichkeit gibt, sie wieder abzubauen.

Der Job als Pädagog*in in einer Kita ist in der Regel mehr Berufung als nur ein Job. Allerdings lebt er auch vom Austausch, der gegenseitigen Motivation, dem Teilen von Ideen und kreativen Umsetzungsmöglichkeiten.

Was passiert aber mit der Qualität der pädagogischen Arbeit, wenn es keine festen vorgesehenen Zeiten für Absprachen gibt?

Wer qualitativ hochwertige Arbeit leisten möchte, braucht auch Inspiration, Austausch und die Möglichkeit sein Alltagshandeln zu reflektieren.

Die qualitativ hochwertige Betreuung von Kindern in Kindertageseinrichtungen sieht oft sehr leicht aus. Dass es ein weiter Weg dahin ist und dass auch Prozesse notwendig sind, diesen Qualitätsstandard zu halten, wird oft übersehen.

Mir ist bewusst, dass es nicht in jeder Kita gleich aussieht. Es gibt Einrichtungen, die trotz der schwierigen Rahmenbedingungen Zeit für Teamsitzungen bekommen. Es gibt aber auch Träger, die so lange Öffnungszeiten wie möglich anbieten und Schließtage reduziert haben, um den Eltern soweit wie möglich entgegen zu kommen – das aber auf Kosten des Personals.

Ja, es ist richtig, dass jeder eine gewisse Zeit im Krisenmodus leben und arbeiten kann. Wer jedoch ständig am Limit ist, hat keine Reserven. Und wer schon länger am Limit ist, der merkt in der Regel auch nicht, wenn er dann schon „drüber“ ist.

In der Kombination mit der Reduzierung oder gar Streichung der Sommerschließzeit und damit auch der Reduzierung des Erholungsurlaubs des pädagogischen Personals macht mir das wirklich Sorgen…

Ich wünsche Ihnen, dass Sie gute Wege finden oder schon gefunden haben in Ihrer Kraft zu bleiben. Machen Sie sich bewusst, dass die ganzen Anpassungsleistungen an die neuen Corona-Vorgaben auch psychische Energie kosten – jedes Mal. Und fallen Sie bitte nicht in alte Muster, dass Sie Vor- und Nachbereitung mit nach Hause nehmen.

Und für uns alle wünsche ich mir und hoffe auch, dass die verschiedenen Ministerien für das neue Kita-Jahr eine wirklich praktikable Lösung, z.B in Form einer Handreichung oder eines überarbeiteten Rahmenplans entwickeln, die sowohl für die Pädagog*innen in der Praxis wie auch für die Eltern umsetzbar ist. Und ganz wichtig, dass die Kinder nicht vergessen werden!

Herzliche Grüße, passen Sie auf sich auf und vergessen Sie die Selbstfürsorge nicht!
Ihre Kerstin Müller